Nie zu jung für die Wüste

Mit der 16-monatigen Lisanne quer durch Marokko

- Bericht von Astrid Auwärter -

"Nein, das könnt Ihr doch nicht machen!" "Dafür ist sie doch noch viel zu klein!" So und ähnlich klingen die Kommentare von Freunden und Verwandten, als wir ihnen mitteilen, dass wir einige Wochen lang mit unserer Kleinen durch Marokko ziehen wollen.

Aber sie alle wissen natürlich, dass wir uns nicht von unseren Plänen abbringen lassen werden, denn ein Winter ohne Afrika ist für uns ein Ding der Unmöglichkeit - vor allem für Kurt, der seit 20 Jahren immer wieder dem Lockruf des "Schwarzen Kontinents" erliegt und für den das Reisen in Afrika ein wahres Lebenselixier darstellt. 

Was uns bei unseren Reisevorbereitungen am meisten Zeit und Nerven raubt, ist der nicht enden wollende Regen, denn das Ausrüsten unseres alten Toyota 4Runners mit Dachzelt, Sandblechen, Campingmaterial, Proviant und allem was es sonst noch braucht, macht im Dauerregen keinen rechten Spass. Ein Grund mehr, um schleunigst abzureisen!

Und so brechen wir also Mitte Oktober allen Skeptikern zum Trotz auf in Richtung Süden. Ziel: Sonne, Berge, Sand und eine faszinierend fremde Kultur.

Im Gepäck unter anderem: jede Menge Pampers, H-Milch und Bilderbücher.

Zunächst führt uns der Weg nach Sète, von wo aus wir mit der "Marrakech" das Mittelmeer überqueren. Ein herrlicher Einstieg in die Ferien, denn wir werden anderthalb Tage lang regelrecht verwöhnt. Unser Kompliment den Schiffsköchen und ebenso dem Personal, das unsere kleine Lisanne behandelt wie eine Prinzessin.

Am übernächsten Tag laufen wir in Tanger ein. Bereits hier werden wir von der lang vermissten Sonne und angenehmen 23°C begrüsst.

Wir verlassen die Stadt und bestimmen spontan, dass unser erstes Ziel Martil sein soll, ein kleiner Badeort an der Mittelmeerküste, unweit der Stadt Tetouan. Wir finden einen - auch für europäische Verhältnisse - annehmbaren Campingplatz. Unsere Kleine ist überglücklich; sie schliesst in Windeseile Freundschaft mit der Campingplatz-Katze. Das Herumtoben, die vielen Eindrücke und die Meeresbrise zeigen schon bald Wirkung; schon um sieben versinkt Lisanne in tiefem Schlummer, fast zwei Stunden früher, als wir das von zu Hause gewöhnt sind. Zu unserer Freude wird dies auf der ganzen Reise so bleiben - kein Gemotze beim Ins-Bett-bringen, sondern ein zufriedenes kleines Mädchen, das nach erlebnisreichen und spannenden Tagen gerne schlafen geht.

Am kommenden Tag besuchen wir die Stadt Tétouan, um die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Altstadt zu besichtigen. Und bei dieser Gelegenheit machen wir auch gleich ein paar wichtige und für Marokko ach-so-typische Erfahrungen. Erstens haben wir schon vor Erreichen der Medina (Altstadt) einen selbsternannten Führer, der uns durch das verschlungene Labyrinth der Gässchen geleiten wird. Und wie alle Kollegen seiner Gilde führt er uns natürlich unter anderem in diverse Läden, in denen man recht hartnäckig "Nein" sagen muss, wenn man nicht mit Teppichen, Lederwaren und Gewürzen beladen seine Reise fortsetzen will. Aber mal ehrlich: Was wäre eine Marokko-Reise, wenn man nicht ein paar Stunden beim Tee mit arabischen Händlern im Clinch gelegen hätte?!

Marktgässchen in Tétouan

Schlangenbeschwörer in Tétouan

Blick vom Dach der Teppich-Manufaktur

Unser weiterer Weg führt uns in das Rifgebirge, von dem behauptet wird, es sei das El Dorado der Marihuana-Freunde. Und tatsächlich winkt am Strassenrand alle paar Meter ein Verkäufer, der seine Ware an den Mann bzw. an die Frau bringen will. Nein danke - als überzeugte Nichtraucher fällt es uns nicht schwer, diesen Angeboten zu widerstehen.

Statt dessen geniessen wir die wunderschöne Landschaft und beschliessen, bereits heute Piste statt Asphalt zu befahren. Wir wählen nämlich die Route entlang des beeindruckenden Mjara-Stausees, der so neu ist, dass er noch nicht einmal in der aktuellen Michelin-Karte eingezeichnet ist. Auf der Karte führt noch die ehemalige Teerstrasse mitten durch den See, der sich dort heute mit seinen kristallblauen Armen zwischen den Hügeln und um diese herum breit macht. Überraschung für jene, die sich ausschliesslich nach der Karte orientieren und plötzlich vor dem grossen Wasser stehen!

Es wird bereits Nacht, als wir uns der Königsstadt Fes nähern. Das Finden der Campingplätze bei Dunkelheit ist zum Teil sehr diffizil, so dass wir umso erleichterter sind, dass in unserem Reiseführer eine GPS-Koordinate für einen der Campingplätze angegeben ist. Zu früh gefreut - die Koordinate führt uns nicht zum Camping, sondern zum Bordj Nord, einer Festung aus dem 16. Jahrhundert, die über der Stadt thront! Soviel zum Thema "Verlässlichkeit der Reiseführer"...

Eine knappe Stunde später haben wir es trotz Dunkelheit und nicht existierender Beschilderung geschafft, den Platz zu finden. Für alle, die eine Marokko-Camping-Tour planen: Wir haben nun die richtige Koordinate!

Die weiteren Tage verbringen wir als Vorzeige-Touristen - Kind im Buggy und wir mit Rucksack und Kamera behängt am Durchstöbern der Medinas der schönen alten Königsstädte Fes und Meknès. Ein paar im Bild festgehaltene Eindrücke:

 

Myriam-Moschee in Fés

Verkäufer von Erdbeerfrüchten in Fés 

Lebendige Handwerkskunst - Lederfärberei und Mosaikherstellung

Meknès: Bab el Mansour und Lebensmittelmarkthallen

Meknès: Mausoleum des Mulay Ismail -
Aussenansicht und Grabstätte

Unser Bedarf an Kultur und Stadt ist nun fürs erste gedeckt, und wir freuen uns auf die Gebirgsstrassen des Mittleren und Hohen Atlas.

Wir sind überrascht, was der Mittlere Atlas alles bietet: ganze Wälder voller Affen (sehr zum Entzücken unseres Töchterchens), salzhaltige Quellen, die aus der Erde sprudeln und kristallklare Bergseen.

Die Quellen von l'Oum er-Rbia und ein Exemplar der schwanzlosen Makakenaffen

Und überall - auch in den entlegensten Gegenden - treffen wir Menschen. Sie leben von der Landwirtschaft, die auf den leidlich fruchtbaren Böden sicher nicht einfach ist sowie von der Tierzucht; wir sehen Schaf- und Ziegenherden, vereinzelt auch Rinder. Die Felder werden mit Eseln und Maultieren bestellt. Man fühlt sich zurückversetzt in ein früheres Zeitalter.

Die Erwachsenen, denen wir begegnen, sind zumeist freundlich und erwidern unseren Gruss. Jedoch ist deutlich zu spüren, dass sie uns Touristen eher kritisch gegenüberstehen und keinen näheren Kontakt suchen. Ganz anders das Verhalten der Kinder, die fast immer in ganzen Scharen auftreten. Wo auch immer wir durch Dörfer oder Siedlungen kommen, springen sie heran, und aus Gesten und Blicken spricht unmissverständlich die Frage: "Was habt Ihr für uns dabei?" Wir begreifen recht schnell, dass wir in diesen Situationen sehr differenziert urteilen müssen, denn zum Teil ist es für die Kinder nur ein Spiel. In anderen Fällen jedoch schmerzt es fast zu sehen, in welcher Armut und fast schon unmenschlichen Verhältnissen die Familien leben. Und für unsere nächste Reise beschliessen wir bereits heute, dass wir lieber einen Teil an Proviant zu Hause lassen und dafür Stauraum schaffen für Kleidung, Schuhe, Schreibhefte und vieles mehr, womit wir diesen Menschen helfen können.  

Das Gefühl, in eine andere Welt versetzt zu sein, verstärkt sich noch, als wir den Mittleren Atlas hinter uns gelassen haben und in die Bergwelt des Hohen Atlas eintauchen. Noch in Höhen weit über 2.000 m sehen wir die Bergbauern mit Eseln ihre kleinen Felder in extremen Hanglagen pflügen. 

Heute möchten wir wieder Gebirgspiste fahren, aber siehe da - entgegen den Angaben in der Karte erwartet uns eine perfekt geteerte Strasse durch die wunderschöne Gebirgslandschaft des Hohen Atlas. Am Spätnachmittag erreichen wir die in ca. 2.200 m Höhe auf einem Hochplateau gelegene Stadt Imilchil und beschliessen, am Rande des tiefblauen Bergsees Lac Tislit unser Nachtlager aufzuschlagen. Wir lassen uns keineswegs davon stören, dass nach dem Versinken der Sonne die Quecksilbersäule unseres Thermometers sehr rasch nach unten klettert (die Nachttemperatur auf dieser Höhe lag bei ca. 8°C), denn als es eindunkelt, lodern schön fröhlich die Flammen unseren Lagerfeuers und die Cervelats brutzeln am Spiess. Warme Jacken, Schuhe und Schals haben wir dabei, so dass auch Klein-Lisanne rundum zufrieden ist. Warm angezogen und mit einer Decke mehr als üblich eingepackt, verbringen wir auch hier eine angenehme Nacht im Dachzelt. Hier haben wir uns übrigens schon zu Hause etwas ganz Praktisches einfallen lassen, nämlich ein Extra-Bett für unsere Kleine, damit sowohl sie als auch wir vor nächtlichen Rippenstössen bewahrt bleiben. Und zwar schläft sie in einem zerlegbaren kleinen Bettchen mit Stoffumrandung quer über unseren Füssen. Das Bettchen erweist sich als eines der genialsten Teile unserer Ausrüstung. Nicht nur, dass es für ungestörten Schlaff sorgt, nein, es fungiert auch noch als richtiggehender Wärmespeicher für Lisanne, so dass auch die kältesten Nächte ihr nichts anhaben können. Ob wir wohl ein Patent darauf anmelden sollten?!

Der nächste Tag bringt uns das, was uns am Vortag verwehrt geblieben ist: Gebirgspiste ohne Ende. Sie führt uns durch eine fantastische Hochgebirgslandschaft und ist zumeist in sehr gutem Zustand. Wir geniessen den atemberaubenden Blick von der Passhöhe des fast 2.700 m hohen Tizi Tirherhouzine und setzen den Weg fort durch die Todrha-Schlucht. An deren deren Ausgang ändert man ganz automatisch seine Identität - in Anbetracht der Reisebusladungen von Touristen und Aquarell-Mal-Studienreisenden mutiert man nämlich ohne eigenes Zutun vom Individual- zum Massentouristen. Irgendwie schade!

Auf dem Gipfel des Tizi Tirherhouzine

Am Eingang der Todrha-Schlucht

Aber jede Medaille hat ja zwei Seiten. Wir müssen zugeben, dass der Tourismus teilweise auch positive Begleiteffekte hat, so z.B. die Tatsache, dass der nächste Campingplatz, auf dem wir uns niederlassen, nicht nur über warme Duschen verfügt (die weder kaputt noch verkalkt sind), sondern sogar über eine Waschmaschine. Wir verlängern unseren Aufenthalt auf zwei Tage, gönnen damit uns und unserem Töchterchen eine Ruhepause und waschen so ganz nebenbei Berge von Babyklamotten.

Bei einem Ausflug per Sammeltaxi in den Ort Tinerhir machen wir hautnahe Erfahrungen bezüglichen der marokkanischen Gepflogenheiten beim Taxifahren. Wer Tuchfühlung zu fremden Menschen nicht ausstehen kann, ist hier fehl am Platz, denn auf jeden Sitz kommen im Durchschnitt zwei Personen. Gut, dass unsere Kleine einen ausgesprochen sozialen Charakter hat und sehr selten negativ auf überschwängliche Sympathiebezeugun- gen von Fremden reagiert, denn keiner der zahlreichen Umsitzenden lässt es sich nehmen, sie zu drücken oder abzuküssen. 

Zurück zum Campingplatz fahren wir mit einem "normalen" Taxi - einer klapprigen alten Mercedes-Limousine. Jedoch wird uns rasch klar, dass auch hier andere Gepflogenheiten gelten als wir diese gewohnt sind, denn man erklärt uns, dass wir noch auf weitere Taxigäste warten müssen. "Aha" denken wir "hoffentlich dauert das nicht zu lange". Denn Klein-Lisanne wird langsam unruhig, da Wickeln und Abendessen überfällig sind. Aber kein Problem - schon nach wenigen Minuten ist das Taxi gefüllt, und zwar nicht wie erwartet mit weiteren zwei Personen, sondern hier gilt das Motto der maximal möglichen Auslastung. Resultat: Chauffeur plus sieben Personen in einem Fahrzeug, das "normalerweise" für fünf Personen (einschliesslich Fahrer!) konzipiert ist!

Wenn Lisanne entscheiden dürfte, welche Etappe unserer Reise ihr am allerbesten gefallen hat, dann würde sie vermutlich ohne zu zögern die nun bevorstehende nennen: die Dünen des Erg Chebbi und des Grenzgebiets zu Algerien.

Obwohl das "Sandmeer" des Erg Chebbi verglichen mit anderen Dünengebieten, wie z.B. in Algerien oder Libyen, mit seiner Ausdehnung von ca. 30 km nicht gerade gigantisch ist, kann Lisanne es kaum glauben: So ein grosser Sandkasten! Und der extrem feine, rötliche Sand ist wirklich wunderschön. Hinzu kommt, dass wir in Merzouga eine Auberge mit Campingmöglichkeit finden, die keine fünfzig Meter von den Dünen entfernt ist. Kurz: für unser Töchterchen ein kleines Paradies.

Empfohlen wurde uns die Auberge von zwei englischen Reisenden, die wir auf der Fahrt in Richtung Süden kennengelernt haben. Als wir ihre Frage, ob wir nach Merzouga wollen, bejahen, lautet ihr Kommentar: "You must go to the "Lac de Sahara". From the outside it looks like nothing, but it's SO wonderful!" Ihr Urteil können wir in allen Punkten bestätigen: Die Auberge ist von aussen nicht nur unscheinbar, sondern aufgrund schlechter Beschilderung sogar fast gar nicht zu finden. Aber die Freundlichkeit der Brüder Zaïd und Ali, die den Betrieb führen, ist unbeschreiblich. Auch die sanitären Einrichtungen sind eine Erwähnung wert: Das Baujahr dieser Lokalitäten datiert vermutlich schon recht weit zurück, und eine Renovation wäre sicher von grossem Vorteil, aber zwei Dinge müssen wir zugeben - zum einen, dass es auf der Toilette nie unangenehm gerochen hat (was man von den meisten anderen Campingplatz-Toiletten in Marokko leider nicht unbedingt behaupten kann) und zum anderen, dass die heisse Dusche wohl die am besten funktionierende ist, die wir auf unserer Reise antreffen, denn das Heizsystem ist ein Ofen im angrenzenden Raum, der mit Kamelmist betrieben wird.

Garantiert heisses Wasser!

Auberge "Lac de Sahara"

Zaïd ist nicht nur ein guter Gastgeber, sondern auch ein hervorragender Friseur

Nach zwei Tagen, in denen Lisanne vergebens versucht, die Sandmassen des Erg Chebbi mit ihrer kleinen Plastikschaufel in ihren kleinen Plastikeimer zu befördern, geht die Reise weiter durch das Drâa-Tal in Richtung Süden.

Per Zufall stossen wir im Drâa-Tal auf einen erst vor ganz kurzem eröffneten Campingplatz - klein aber fein. Zu Lisannes riesengrosser Freude haben wir sofort Familienanschluss, denn der Chef des Platzes hat einen kleinen Sohn, der wenig älter ist als unsere Kleine, und dank der nicht existierenden Berührungsängste unserer Tochter ist sie im Nu am Balgen mit ihrem neuen Freund plus Cousins und Cousinen.

Die marokkanischen Kinder freuen sich über den aussergewöhnlichen Besuch

Am nächsten Tag führt unser Weg nach M'hamid, der letzten Siedlung im Drâa-Tal. Unsere Absicht ist eigentlich, in diesem kleinen Ort, von dem aus es nur noch via Piste weitergeht, eine kleine Teepause einzulegen. Diesen Plan ändern wir jedoch kurzerhand, denn in dieser Ortschaft erreicht die penetrante Zudringlichkeit der jungen Männer, die ihre Dienste als Führer anbieten, ihren absoluten Höhepunkt. Wir können kaum mehr aus dem Wagen aussteigen, weil eine Traube von Jugendlichen, die alle gleichzeitig auf uns einreden, auf dem Trittbrett, an den Spiegeln und am Dachzelt hängt. Unsere Mitteilung, dass wir ihrer Dienste nicht bedürfen, beeindruckt sie kein bisschen. Obwohl wir ja inzwischen an die teilweise penetranten Verkäufermethoden gewöhnt sind, ist das sogar für uns zuviel. Also gut, beginnen wir die Pistenfahrt eben ohne Teepause. 

Wir lassen uns für die ca. 150 km Piste durch Dünengebiete, ausgetrocknete Seen und Steinwüste zwei Tage Zeit. Inmitten hoher Dünen finden wir ein fantastisches Plätzchen zum Übernachten. Als nach Einbruch der Dunkelheit Stimmen über die Dünen hinweg zu uns dringen, ziehen wir kritisch die Augenbrauen hoch. Hoffentlich kriegen wir nicht noch unerwünschten Besuch. Kurze Zeit später gesellt sich zu den Stimmen der Klang von Trommeln, und wiederum etwas später hören wir, wie Melodie und Text des altbekannten Liedchens "Muss i denn zum Städtele hinaus" an unser dringt. Tja, um feindlich gesinnte "Eingeborene" scheint es sich nicht zu handeln!

Am nächsten Morgen müssen wir für unsere Angewohnheit, in aller Gemütsruhe und mit allem Luxus zu frühstücken, teuer bezahlen. Denn wir löffeln noch genüsslich unseren Joghurt, als wir die ersten Anzeichen eines in den Startlöchern befindlichen Sandsturms bemerken. Unwillig beenden wir die Frühstückszeremonie und beginnen mit Geschirrspülen, Einräumen und Dachzelt-Einfahren. Der Sandsturm ist jedoch leider schneller als wir! Lisanne will es bereits gar nicht mehr so recht lustig finden, dass es ihr von allen Seiten Sand um die Ohren und in die Augen weht, und sie akzeptiert dankbar, dass wir sie schon mal in ihren Autositz packen und mit Bilderbüchern versorgen, während wir - inzwischen eher hektisch - unsere Ausrüstung verstauen.

Uff, endlich sitzen wir im Auto. Türen zu, und nix wie weg hier. Leichter gesagt als getan - denn der Sturm hat bereits so viel Sand an unseren Wagen geweht, dass wir festsitzen! Wieder aussteigen, Sandbleche und Schaufel auspacken und ran an die Arbeit. Sogar ein freundlicher Nomade im langen Gewand taucht noch aus dem Nichts auf und hilft beim Schieben und Wiederausgraben der Sandbleche nach gelungener Befreiungsaktion.

Ein Glück, dass wir hier aufgrund der Nähe zur algerischen Grenze nur am Rande der Dünen sind und nicht mittendrin, denn nach Verlassen unseres Lagerplatzes sind wir ruckzuck dem Sandsturm entronnen und haben wieder freie Sicht.

Anfänglich führt die Piste noch hauptsächlich durch Sand, dann durch ausgetrocknete Seenlandschaften. Und dann wird es holprig, streckenweise sogar sehr holprig. Unsere Kleine verblüfft uns erneut, denn je mehr sie in ihrem Sitz hin- und hergeworfen wird, um so besser scheint es ihr zu gefallen!

Unterbrochen wird die Rüttelei durch die überraschende und sehr freundliche Einladung eines marokkanischen Militärpolizisten, der in seiner spartanisch mit Feldbett und Benzinkocher eingerichteten Baracke frischen Minztee für uns kocht, und das, obwohl er selbst nichts zu sich nehmen darf, da vor einigen Tagen der Fastenmonat Ramadan begonnen hat. Es geht ihm schlicht und einfach um ein wenig Gesellschaft in dieser Einöde, in der vier Monate lang mit seinen Kollegen Dienst tun muss, Hunderte von Kilometern entfernt von seiner Familie.

Das Ende der Rüttelpiste bzw. der Beginn der Teerstrasse bei Foum Zguid löst zwiespältige Gefühle bei uns aus. Denn ab hier heisst es nun "Heimreise", Hauptfahrtrichtung Nord, zurück in den kalten und nassen Schweizer Winter. Da können einen schon wehmütige Gedanken beschleichen! Aber glücklicherweise haben wir ja noch einige Tage im sonnigen Marokko vor uns. 

Und ebenso warten noch einige absolute Highlights unserer Rundreise auf uns - die fantastische Gebirgspiste zur Ortschaft Telouèt mit dem prunkvollen Palast Dar Gloui, die Atlantikküste mit diversen schönen Städtchen und natürlich Marrakech, die Stadt, in der die Märchen aus 1001er Nacht noch leben. Dieser Abschnitt unserer Reise besteht für mich hauptsächlich aus Bildern, deshalb spare ich mir die Worte und bediene mich hier einiger Fotos, die für sich selbst sprechen:

Ksar Aït Benhaddou - Beliebte Filmkulisse

Frauen beim Waschen

Blick vom Pistenrand ins Tal

Im Palast Dar Gloui - Blick aus dem Fenster des Harems
und einer der Speisesäle

Marrakech: Djamaa el Fna - der Platz der Geköpften

Im Hafen von Essaouira

Traditioneller Bootsbau

Am 13. November fahren wir wieder auf das Autodeck der "Marrakech" - mit der wohl typischen Gefühlsmischung aus Wehmut und Gerne-wieder-nach Hause-kommen, das Reisende am Ende der Ferien im Bauch spüren. Und tatsächlich ist schon die Begrüssung durch das Schiffspersonal, das unsere Kleine sofort wiedererkennt und wie auf der Anreise förmlich mit Aufmerksamkeiten überschüttet, ein bisschen wie "Heimkommen".

Als wir einen Tag und zwei Nächte später in Sète eintreffen, wissen wir eines ganz sicher: Marokko - wir kommen wieder!

 

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