Was ist Fernweh?

Fotobericht über eine Reise nach Marokko und Mauretanien November und Dezember 04

- von Astrid Auwärter -

Teil 1 - Marokko & Westsahara

"Was ist Fernweh?" fragte Piggeldy.

"Fernweh ist, wenn man morgens aufwacht und das Fenster aufmacht und weit hinaus auf die Berge schaut, sich den Schlafanzug abstreift und auf einmal alle Sorgen vergessen sind und man davonfliegen möchte so leicht wie eine Feder, bis ans Ende der Welt" antwortete sein grosser Bruder Frederick.

Die meisten Eltern (und vermutlich auch viele Nicht- oder Noch-nicht-Eltern) werden die Weisheiten des klugen Schweinchens Frederick kennen. Sehr passend jedenfalls fand ich, dass unsere 3jährige Tochter Lisanne unter anderem dieses Piggeldy-und-Frederick-Bilderbuch für die Reise einpackte. Und mal ehrlich: Kann man das Phänomen "Fernweh" besser beschreiben als das kluge Schwein Frederick?

Zurück zu uns: Besagtes Fernweh hatte uns wieder gepackt. Ziel der Reise: Mauretanien. Mit Schlafanzug-Abstreifen und Davonfliegen war's jedoch leider nicht ganz getan. Zuerst musste ein Auto her (den alten Toyota hatten wir im Sommer verkauft, da er inzwischen für Familienreisen einfach zu klein geworden war). Weil auf die Schnelle nichts anderes zu finden war, fiel die Wahl auf einen Landrover Defender 110. Drei Wochen mussten genügen, um das Fahrzeug reisefertig zu machen und alle Vorbereitungen zu treffen, d.h. Dachträger besorgen und montieren, Dachzelt, Kisten und Kanister aufs Dach, provisorischer Innenausbau, um notfallmässig im Auto sitzen und auch kochen zu können. Parallel dazu Visa beantragen, GPS-Routen vorbereiten, einpacken und so weiter und so fort.

Stressig, aber machbar. Eine heftige Entzündung in Kurts linker Hand brachte nochmals einen 4tägigen Aufschub (über den wir gar nicht so böse waren), und so ging's schlussendlich am 13. November in Sète auf's Schiff. 

War's in der Schweiz und Frankreich noch winterlich kalt, so werden wir anderthalb Tage später in Tanger von strahlender Sonne, blauem Himmel und angenehmen 20°C empfangen.

Auf der Autobahn geht's in Richtung Süden. Bei jeder Marokko-Tour aufs Neue gewöhnungsbedürftig: Immer wieder rennen Menschen über die Fahrbahn oder benutzen die Autobahn als Wanderweg.

Ebenso gewöhnungs- bedürftig: Die Zustände auf einheimischen Raststätten-Klos. Grund für Klein-Lisanne, das im Landi eingebaute WC zu testen - ein "Accessoire", das Reisen mit Kleinkind bedeutend entspannter macht...

Die erste Tagesetappe bringt uns bis zum Campingplatz von Mehdia Plage unweit der Stadt Kenitra. Wir freuen uns über die gut ausgebaute touristische Infrastruktur des Ortes und auf ein feines Abendessen im Restaurant. Die Freude war leider verfrüht - am Vortag ging der  Fastenmonat Ramadan zu Ende, und heute wird in Marokko gefeiert. Feiern bedeutet nicht arbeiten. Nicht arbeiten bedeutet kein Essen im Restaurant! Hungrig marschieren wir zurück zum Camping. Dann gibt's halt Spaghetti al Pesto; hoch leben die italienischen Fertigsaucen!

Auf dem gemütlichen Campingplatz von El Jadida investieren wir einige Stunden, um unsere "Organisation" zu verbessern. Es kann äusserst lästig sein, wenn Dinge, die man häufig braucht, in den unzugänglichsten Kisten lagern. 

Durch schöne Landschaften geht es weiter. Freundliche Menschen allerorts.

Mitten in dieser schönen Ackerbau-Landschaft ruft plötzlich unsere Tochter von hinten: "In Afrika stinkt's!" Wir fragen erstaunt nach, wonach es denn stinke. "Nach dem Müll, den die Leute auf den Boden werfen." Erstaunlich und (so finden wir) lobenswert - schon eine 3Jährige ist so geprägt von unserem mitteleuropäischen Müll-in-den-Mülleimer-Denken, dass sie sich lauthals über die afrikanischen Gepflogenheiten beschwert!

Nicht den kleinsten Grund zur Beschwerde hingegen gibt's auf dem "Camping des Oliviers chez Christian" in Ounara - ein Platz, von dem sich sogar viele mitteleuropäische Anlagen ein Scheibchen abschneiden könnten.

 

Ungefähr 100 km nördlich von Agadir werden wir zum ersten Mal mit einem Problem konfrontiert, das uns in den kommenden Tagen begleiten wird:

Heuschrecken.

Mit Hilfe eines Palmwedels versucht die Bauersfrau, die gefrässigen Tiere von Feld und Sträuchern zu vertreiben. Ein aussichtsloser Kampf.

 

Die Sahara rückt näher; zum einen zeugen die immer häufiger auftauchenden Sanddünen davon, zum anderen die Dromedare, denen man bereits hier begegnet. 

In Agadir stocken wir im südlichsten marokkanischen Marjane- Supermarkt nochmals unsere Lebensmittelvorräte auf. Auf dem weiteren Verlauf der Reise ist Einkaufen in kleinen Gemischtwarenläden und auf bunten Märkten angesagt. Das Einkaufen gehört zu den Dingen, bei denen man als Fremder tiefe Eindrücke über die Kultur eines Landes und die Mentalität der Menschen gewinnt. Die Auswahl der Produkte, die angeboten werden, die Art der "Präsentation" (oft sind die Waren von einer dicken Staubschicht überdeckt; Fleisch wird zumeist von Fliegenschwärmen umkreist), das Verhalten der Verkäufer, die Neugier oder auch zum Teil lästige "Hilfsbereitschaft" der Umstehenden (vielerorts verdienen Kinder und Jugendliche Geld damit, Touristen die gewünschten Produkte zu beschaffen) - all dies sind Impressionen, die einen festen Bestandteil einer solchen Reise bilden.

Wir verbringen die Nacht auf dem städtischen Camping von Tiznit (der besser ist als sein Ruf) und treten am Folgetag die Fahrt durch die Westsahara an...

... und damit die Fahrt durch die Heuschreckenplage. Südlich von Tan Tan wird die zentimeterdick von lebenden und toten Heuschrecken bedeckte Strasse zum schmierigen Band.
Bei diesem Kamelwarnschild spötteln wir noch, dass es  wohl besser eine Heuschrecke darstellen sollte. In der Ferne sehen wir jedoch bereits die dichten dunklen "Wolken", die sich bedrohlich nähern,...
... und schon sind wir mitten drin. Ein unvorstellbarer Graus. Es hagelt gegen die Scheiben. Überall am Fahrzeug klammern sich die (zum Teil halbtoten) Viecher fest. Allein an den Scheibenwischern hängen zehn von ihnen. 
Als ob es nicht schon gereicht hätte, durch die Heuschrecken hindurchzufahren; nein, der Abend bricht herein, und wir sind gezwungen, mitten in dieser Plage zu übernachten. Foto: Busch auf einem Campingplatz südlich von Laayoune. Kein Fleck mehr ohne rote Heuschrecken!

Dank kühler Abendtemperatur fliegen sie zwar nicht mehr. Dafür hüpfen sie wie im Delirium unkontrolliert durch die Gegend. Ich will nur noch eins: ins Dachzelt! Das deutsche Paar Evi & Lutz hatte sich uns unterwegs angeschlossen; auch sie verspüren keine Lust mehr auf einen Aufenthalt im Freien und verziehen sich in ihre Wohnkabine.

Dank meiner Heuschrecken-Phobie vollbringen wir am nächsten Morgen eine Rekordleistung: Kurz nach sieben sitzen wir im Landi und rollen weiter gen Süden. Unter normalen Umständen sind wir höchst selten vor 10 Uhr auf Achse. Zum einen wollten wir aufstehen und unsern Kaffee schlürfen, bevor die Luft wieder zu "leben" beginnt. Zum andern hoffen wir, dass wir ein gutes Stück weit kommen, bevor es wieder losgeht. Unsere Hoffnung wird erfüllt. Die Landschaft wirkt wie rot überzogen. Wüssten wir nicht, dass es sich um Heuschrecken im Ruhezustand handelt, würden wir's vermutlich richtig schön finden.

Ein einziges Flugzeug sehen wir, das im Tiefflug über den Sträuchern Gift versprüht. Auch hier wieder: ein wenig aussichtsreicher Kampf.

Beim Kontrollposten der Gendarmerie vor Boujdour macht der Diensthabende seinem Ärger Luft. Diese Plage sei die Schuld der angrenzenden Staaten. Grimmig sagt er "Wir haben keine Nachbarn, nur Feinde!" Gemäss seiner Überzeugung könnten die Heuschreckenschwärme nicht bis Marokko vordringen, wenn sie bereits in Burkina Faso, Mali und Mauretanien effektiv bekämpft würden. "Die 3fache Menge ihres eigenen Gewichtes frisst eine Heuschrecke pro Tag" erfahren wir von ihm.

Ca. ab 10 Uhr sind die Viecher wieder auf Betriebstemperatur. Zum Glück scheinen es jedoch nur noch kleinere Schwärme zu sein, durch die wir hindurch müssen. Ausserdem zeigt eine neue (wenn auch etwas riskante) Strategie einigen Erfolg: Wir hängen uns hinter einen LKW und fahren gewissermassen in dessen "Heuschreckenschatten". Auf diese Weise klatscht nur noch ein kleiner Teil der Tiere gegen Kühlergrill und Windschutzscheibe, da sie bereits beim Passieren des LKWs auffliegen. 

Erst kurz vor Dakhla hat der Graus ein Ende. Heuschrecken auf über 600 Kilometern - davon mindestens 200 Kilometer dichte Schwärme! Eines steht für uns fest: Sollte es in Mauretanien so weitergehen, brechen wir die Reise ab. 

Wie immer und überall: Des einen Leid, des andern Freud. Die Waschanlagen in Dakhla machen Rekordumsätze. Auch wir lassen unsern Landi vom Fachmann reinigen. Z.B. in den Radkästen hängt  zentimeterdicker "Heuschrecken-Matsch".

Einen Ruhetag haben wir jetzt alle verdient - sowohl wir drei als auch der Landi. Dakhla tut uns allen gut, mit Baden, Bummeln, Essengehen und Faulenzen. 

Zu Teil 2 - Mauretanisches Bergland

 

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