Papa, wann sind wir endlich in den Dünen?

Fotobericht über eine Reise nach Mauretanien & Marokko
Januar & Februar 2006

- von Astrid Auwärter -

4

Teil 1 von 5 - Endlich wieder nach Afrika!

Ein schwieriges und forderndes Jahr ist 2005 für uns gewesen, noch dazu ein Jahr ohne Reise. Andere Prioritäten drängten sich in den Vordergrund und hiessen uns alle Reisepläne auf Eis legen.

Es kommt jedoch der Moment, wo klar wird, dass eine Reise NÖTIG ist. Nötig für Gleichgewicht und Energie. Für jeden einzelnen und die Familie. Und so beginnen wir im November allen Widrigkeiten zum Trotz mit der Planung einer Reise nach Mauretanien und Marokko. Eine komplexe Planung ist es dieses Mal, denn es wird eine Reise mit wechselnden Teilnehmern sein, und auf den Routen durch die mauretanische Sahara werden Freunde mit weiteren Fahrzeugen mit von der Partie sein.

Die Zeit für die Reise-vorbereitungen müssen wir uns richtiggehend "aus den Rippen schneiden". Irgendwie kriegen wirs hin, und so fahren wir mit unserem 110er Landrover Defender am 10. Januar in Sète aufs Schiff.
Reichlich müde und ausgepowert und entsprechend froh darüber, dass die anderthalbtägige Fahrt übers Mittelmeer eine gute Gelegenheit zum Entspannen bietet.
Spazierengehen am sonnigen Deck, Essen, Spielen, Malen und vor allem Faulenzen und Schlafen sind unsere Beschäftigungen an Bord der "Marrakech".
Wir freuen uns, als das Schiff am Morgen des 12. Januar pünktlich den Hafen von Tanger anläuft. Bedeutet dies doch, dass wir noch eine gute Strecke in Richtung Süden zurücklegen können. Die "Marrakech" ist vertäut, und wir warten mit der Menge darauf, zu unserem Fahrzeug auf dem Frachtdeck gelassen zu werden.
Unschöne Überraschung: Aus den Lautsprechern ertönt der Aufruf, sich zum Abstempeln der Pässe in die Schiffscafétéria zu begeben. Mit Laptop ausgerüstete Beamte erwarten dort das Défilée der Passagiere. Über 1 Stunde lang stehen wir Schlange und versuchen Geduld und Humor zu bewahren in der schlechten Luft in den engen Gängen. Ein fast schon schikanöses Procedere...


Schon nach wenigen Kilometern auf der marokkanischen Autobahn fragt Lisanne voller Vorfreude: "Sind wir jetzt gleich in den Dünen?" Dass dies noch eine geraume Weile dauern wird, mag sie gar nicht so recht begreifen. "Wir sind doch jetzt in Afrika!"

 

In Moulay Bousselham treffen wir spontan unsere Freunde Pius & Martina. Sie kommen von dort, wo wir hinwollen - Mauretanien. Der Wettergott hat es nicht allzu gut mit ihnen gemeint, sie erzählen von reichlich Regen und noch viel mehr Wind. Dennoch hat sie ihnen gefallen, die Sahara.


Unsere Hoffnung auf mehr Wetterglück scheint erfüllt zu werden. Vor allem morgens und in den Abendstunden ist es zwar sehr kühl (ein Umstand, dem man mit entsprechender Kleidung entgegenwirken kann), aber in Sachen Nässe meint es das Schicksal gut mit uns. Lediglich einzelne Regentropfen begleiten unseren Weg in Richtung Süden.

 

Einzig auf dem einsam gelegenen Camping "Les Bédouins" nördlich von Laayoune trommelt am frühen Morgen 2 Stunden lang ergiebiger Regen aufs Dachzelt. Nicht tragisch - stehen wir halt ein wenig später auf. Unangenehmer als der Regen war die "Ankündigung" desselben am Vorabend: Tausende von Moskitos waren über uns hergefallen!

Die Grenzformalitäten bei der Ausreise aus Marokko und der Einreise nach Mauretanien verlaufen zügig. Einzig die Tatsache, dass unsere Kleine nur mit Namen und Geburtsdatum in meinem Pass eingetragen ist und kein Passbild neben dem Eintrag prangt, stört den marokkanischen Polizeibeamten. "Wie kann ich sicher sein, dass die Kleine wirklich Ihre Tochter ist?" Die unbürokratische Lösung des Problems: Wir fordern Lisanne auf: "Zeig uns Deine Mama und Deinen Papa", und sie klammert sich heftig an meine und Kurts Hosenbeine. Die umstehenden Reisenden lachen, und der Beamte gibt sich glücklicherweise mit dieser Demonstration der Familienbande zufrieden.

 

Strahlender Sonnenschein bei unsrer Ankunft in Nouadhibou. Wir wechseln Euros in mauretanische Ougiya und schliessen eine Fahrzeug-versicherung für die nächsten 3 Wochen ab.
Auf der erst im Oktober 05 fertiggestellten Strasse gehts am nächsten Tag weiter nach Nouakchott. Heftiger Wind bläst den feinen Sand quer über die Fahrbahn. Wir hoffen darauf, dass der Sandsturm sich auf die Küstenregion beschränkt, denn wir wollen im Landesinneren Pisten fahren, was unter solchen Bedingungen keine wahre Freude ist.
 
Der Wind legt sich zwar nicht, lässt aber noch im Verlauf des Tages merklich nach. Unserer Kleinen ist es sowieso egal, ob der Wind pfeift oder nicht; für sie ist die Welt jetzt in Ordnung. Endlich richtige grosse Dünen, in denen sie herumklettern und Rutschbahn spielen kann!
 
   
In Nouakchott fühlen wir uns in der "Auberge Menata" der Französin Olivia inzwischen fast schon zu Hause; ist es doch schon das fünfte Mal in 3 Jahren, dass wir hier zu Gast sind. Mit Olivias Riesenschildkröte, die sich zwischen Touristen und Reisefahrzeugen recht wohl zu fühlen scheint, machen wir allerdings erst in diesem Jahr Bekanntschaft.
   
19. Januar: Wir holen Regina vom Flughafen ab. Meine Cousine und Freundin wird gemeinsam mit uns Mauretanien und Marokko bereisen. Es ist dies ihr erster Kontakt mit Afrika, und wir sind uns der Tatsache bewusst, dass das direkte Einfliegen nach Nouakchott keine "schonende Einführung" darstellt. Regina verblüfft uns aufs Positivste: Der erwartete Kulturschock bleibt aus...
...und sie macht sich voller Begeisterung und Neugier daran, dieses fremde Land zu entdecken. Ich fühle mich an meine eigene erste Afrikareise erinnert, denn es sind ganz ähnliche Szenen wie bei mir damals, bei denen Regina zur Kamera greift und sagt: "Davon muss ich unbedingt ein Foto machen".
   
Auch sie ist beispielsweise absolut fasziniert von den afrikanischen Transport-Praktiken - Mensch und Güter betreffend.
   
Und natürlich vom unvergleichlichen,
feinpulvrigen Saharasand!
   
Wir sind auf der "Route de l'Espoir" (Strasse der Hoffnung) in Richtung Osten unterwegs. Das Foto zeigt unseren ersten Nachtlagerplatz in den Dünen. Überwältigt vom prachtvollen Sternenhimmel, der uns unzählige Sternschnuppen schenkt, kriecht Regina zu später Stunde in ihr Igluzelt, Kurt, Lisanne und ich wie gehabt ins Dachzelt.
   
Wir sitzen am nächsten Morgen beim Frühstück, da taucht unvermittelt Besuch auf. Die Damen sprechen nur arabisch, so dass eine Verständigung leider nur mit Gesten möglich ist. Die beiden scheinen sich daran zu stören, dass meine und Reginas Haare nicht mit Tüchern bedeckt sind. Vor allem auf meine langen Locken zeigen sie immer wieder und deuten pantomimisch an, dass man einen Schleier darüberlegen sollte. Die "Moralpredigt" hat ein Ende, als wir den Damen je ein Geschenk überreichen. Sie freuen sich sichtlich über das Kinderkleid und das T-Shirt und schenken Lisanne im Gegenzug eine wunderschön rund geschliffene und polierte kleine Murmel aus Stein. Und genauso unauffällig wie sie erschienen sind, verschwinden sie wieder in den Dünen.
   
Die Treibstoffversorgung entlang der Route de l'Espoir ist nach wie vor oft ein wenig Glücksache. Diesel ist jedoch weniger problematisch als Benzin, und so haben wir bereits bei der dritten Tankstelle Erfolg. In Anbetracht der Tatsache, dass auch die Stromversorgung nicht immer garantiert ist, sind Tankstellen mit Handpumpe hier gar keine schlechte Sache.
   
Das Tanken dauert auf diese Weise allerdings etwas länger, so dass zwischenzeitlich sämtliche Kinder der umliegenden Häuser eingetrudelt sind und sich um unser Fahrzeug versammeln. Sie verhalten sich angenehm und werden nicht aufdringlich, und so kommen wir der Bitte des Tankwarts nach, der um Kugelschreiber für die Kinder bittet.
   
Einige der Kleinen verstecken blitzschnell ihr "Cadeau" (Geschenk) hinter dem Rücken und halten die zweite Hand hin. Kurt bedeutet den Spitzbuben lachend, dass er's bemerkt hat und gibt den anderen Kindern Kulis und Kekse.
   

Wir sind im allgemeinen sehr zurückhaltend mit dem Verteilen von Geschenken, denn es ist dies ein sehr zweischneidiges Thema. Zum einen produziert das unüberlegte Herausgeben von "Cadeaux" häufig eine Erwaltungshaltung bei den Kindern, die zu aggressivem und penetrantem Verhalten gegenüber Reisenden führt. Zum anderen sind die Geschenke, die wir Touristen mit uns führen, oft zu wertvoll, als dass man sie ohne Gegenleistung hergeben sollte. Mit Kleinigkeiten wie Kugelschreiber, Kekse und Bonbons sind wir daher je nach Verhalten der Kinder oft freigiebig (aufsässigen Kindern geben wir nichts), grössere Geschenke wie z.B. Kleidungsstücke machen mir nur an Erwachsene und in der Regel nur dann, wenn sie uns geholfen haben. Wie gesagt: ein schwieriges Thema, und auch wir sind oft nicht sicher, dass wir's richtig gemacht haben.

   

Ein typisches mauretanisches Strassendorf. Überall wird irgendeine Ware oder Dienstleistung angeboten. Die Auswahl an Lebensmitteln ist eher bescheiden. Vor allem Obst und Gemüse sind äusserst rar.

   
Wir taufen die Strecke um in "Strasse der Kadaver". Die Strassenränder sind richtiggehend gepflastert mit verwesenden Rindern, Schafen, Ziegen und Kamelen, die Opfer von Kollisionen mit Fahrzeugen wurden. Hier ist offensichtlich eine ganze Herde in einen LKW hineingelaufen. Warum die Hirten in diesem armen Land ihre Tiere nicht besser bewachen? Wir wissen es nicht.
   
Unser im Landesinneren gelegenes Ziel ist Kiffa. Hier wollen wir unsere Freunde treffen, die auf dem Rückweg von einer grossen Westafrika-Tour (Mali, Burkina Faso, Ghana, Togo, Benin) mit uns die mauretanische Sahara bereisen möchten. Landschaftlich bietet die Route de l'Espoir wenig Abwechslung. Der Berg und die auffallende Vegetation kurz vor Kiffa stellen fast schon ein Highlight dar.
   
In Anbetracht der langen und zeitlich schwer einschätzbaren Anfahrtswege (vor allem die Piste von Mali her betreffend) gehen wir davon aus, dass wir oder unsere Freunde ca. einen Tag auf die Ankunft der jeweils anderen warten müssen. Es ist unglaublich: In einem Abstand von 15 Minuten treffen wir auf dem Camping von Kiffa ein! Die drei Jungs sind staubig, verschwitzt und glücklich und sprudeln über von Erzählungen über die vergangenen Wochen.



Und das sind sie, die drei weitgereisten Jungs:


Erich, genannt Eru

Ein Meister des Geländefahrens und Kenner Afrikas

Humor ähnlich schwarz wie seine Sonnenbrille

... und genauso schwarz wie der Humor ist sein 90er Landrover Defender, ein Kraftpaket, dem wir den Namen "Schwarzer Panther" verliehen haben.

 

Markus

Erus Kopilot und Navigator; gleichzeitig Chefkoch des ganzen Teams

Energiegeladen und immer gut drauf

Zum ersten Mal auf Afrikatour

   

Heinz, genannt Henne

Der Schweigsame mit Esprit

Beobachtet aus dem Hintergrund und überrascht immer wieder mit knochentrockenem Humor

Sehr erfahrener Afrikareisender und Geländefahrer; meistert mit seinem VW Taro mit grossem Können (fast) jede Düne

 
Zu Teil 2 - Auf den Spuren der Dakar 06

 

 

Homepage made by
Schloss Ludwig